Das Berufsbild des Hörgeräteakustikers

Audiologisches Wissen, Interesse für Anatomie und Elektronik, Computerkenntnisse, psychologisches Fingerspitzengefühl, handwerkliche Fähigkeiten, unternehmerisches Denken, Erfahrung in Gesprächsführung, Flair für Werbung und Marketing, Kenntnisse in Buchhaltung und aktuelles Wissen in Versicherungsfragen: Wenige Berufe sind so vielfältig wie der eines Hörgeräteakustikers. Von ihrem resp. seinem Fachwissen, seiner Erfahrung, seinem handwerklichen Können und seiner Sorgfalt hängt es ab, dass Menschen mit Hörproblemen am Leben teilnehmen, ihrer Arbeit nachgehen und ihre sozialen Beziehungen pflegen können. Dabei unterhält der Hörgeräteakustiker zu seinen «Kundinnen» und «Kunden» langjährige Beziehungen: Er arbeitet in einem Gesundheitsberuf und betreut seine Kunden über längere Zeiträume hinweg.

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1. Hören in unserer Gesellschaft

Der Mensch ist grundlegend auf Beziehungen zu anderen Menschen und deshalb auch auf die Verständigung mit ihnen angewiesen. Dafür benutzt er vor allem die Sprache, sowohl im privaten wie im beruflichen Bereich. Fragen und Antworten, Geschichten und auch Anweisungen gehören zum Kindsein und Aufwachsen. Mündliche Erklärungen, Anweisungen, Referate und Fachdiskussionen sind wesentliche Bestandteile des Unterrichts, einer Lehre und auch eines Studiums. Teamfähigkeit, soziale Kompetenz und in eins damit «Kommunikationsfähigkeit» sind heute Voraussetzung dafür, beruflich weiter zu kommen. Bei Treffen mit Kollegen und Freunden sind Gespräche wichtig. Um zu erfahren, wie es jemandem geht, ruft man an – und unterhält sich am Telefon: Nicht nur über die Mimik, auch über die Stimme erhalten wir Auskunft über die Gefühlslage eines anderen Menschen.

Hören zu können, ist für all dies die wichtigste Voraussetzung. Und das Gehör ist nicht nur für die verbale Kommunikation zentral: Dank des Gehörs können wir Vorgänge kontrollieren, die sich hinter unserem eigenen Rücken abspielen, denn das Gehör kann – als einziges Sinnesorgan – eine simultane 360°­Überwachung bewerkstelligen. Es wertet ständig die akustischen Informationen aus, warnt den Körper bei drohender Gefahr, zum Beispiel im Strassenverkehr. Anders als die Augen ist das Gehör zudem rund um die Uhr aktiv, selbst nachts. Ansonsten würde der Wecker am Morgen vergeblich klingeln.

Wie selbstverständlich es für die meisten ist, gut zu hören, und wie wichtig ein intaktes Gehör ist, zeigt sich erst dann, wenn jemand Probleme damit hat. Wer des öfteren nachfragen muss, gilt schnell einmal als «leicht beschränkt». Nach wie vor gelten schwerhörige Menschen oft auch als geistig minder bemittelt.

Schwerhörigkeit entwickelt sich schleichend, weshalb der betroffene Mensch oft gar nicht bewusst wahrnimmt, dass er schlecht hört. Zudem werden Hörschäden oft mit «altern» in Zusammenhang gebracht. Aus all diesen Gründen können viele Menschen ihre Hörschädigung kaum akzeptieren, sie schämen sich und suchen viel zu spät einen Ohrenarzt oder Hörgeräteakustiker auf. Die Mühe damit, andere zu verstehen, führt aber dazu, dass sie sich – weil Hören Mühe bereitet und sie nicht als «minder bemittelt» gelten wollen – aus dem gesellschaftlichen Umfeld zurückziehen, sich abkapseln. Depressionen sind dann kaum zu vermeiden, von verheerenden Folgen im familiären wie im beruflichen Bereich gar nicht zu reden. 

Der Hörgeräteakustiker als Öffentlichkeitsarbeiter in Sachen «Hören» 
Vor diesem Hintergrund kommt dem Akustiker eine wichtige Aufgabe zu: Er kann dazu beitragen, dass die zentrale Bedeutung des Hörvermögens von der Gesellschaft erkannt und anerkannt wird. Der Akustiker ist dafür ein wichtiger Wegbereiter, nicht nur im direkten Kontakt mit Hörgeschädigten, denen er über eine Hörgeräteanpassung dazu verhilft, wieder ein nahezu «normales» Leben zu führen: Mit Vorträgen an regionalen Weiterbildungs-veranstaltungen, mit der Teilnahme an Messen, mit Einladungen zu Tagen der offenen Tür, mit Kontaktpflege zu Pflegeheimen, Schulen und den regionalen Zeitungsredaktionen kann er das Bewusstsein für den Wert des Hörens erhöhen und Schwellenängste und Hemmungen gegenüber Hörtests und Hörgeräten abbauen. So, dass es zur Selbstverständlichkeit wird, sein Hörvermögen regelmässig prüfen zu lassen. Und so, dass Hörgeräte als Hilfsmittel ohne falsche Scham getragen werden – vielleicht sogar als modisches Accessoire wie eine Brille.

2. Präzisionsinstrument Ohr

Das menschliche Gehör nimmt Schallwellen im Frequenzbereich von 20 Hz bis maximal 20'000 Hz wahr, entsprechend einer Wellenlänge von 17 m bis hin zu 1,7 cm. Dies entspricht einem Umfang von fast zehn Oktaven. Zum Vergleich: Das Auge nimmt nur Wellen mit einer Wellenlänge von 400 nm bis 700 nm wahr, knapp eine Oktave.

Erst das fein abgestimmte Zusammenspiel von Aussenohr, Mittelohr, Innenohr und der Hörbahn ermöglicht ein gutes Hörvermögen und die Verarbeitung dieses weiten Frequenzbereichs.

Auf dem Weg ins Ohr trifft die Schallwelle zuerst auf die Ohrmuschel, die bei jedem Menschen so individuell gestaltet ist wie der Fingerabdruck. Die Ohrmuschel spielt eine wichtige ästhetische Rolle für den Gesamteindruck des Gesichts. Der Verlust des äusseren Ohres aufgrund eines Unfalls wirkt sich äusserst entstellend auf das Gesicht aus – und die plastisch-chirurgische Rekonstruktion gelingt oft nur mit mässigem Ergebnis. Die Ohrmuschel hat aber auch eine wichtige akustische Funktion: Durch die Reflexion bzw. die Abschattung einiger höherer Frequenzbereiche wird die akustische Ortung von Schallquellen erleichtert, insbesondere hilft es auch für die Unterscheidung zwischen vorne und hinten. Das Erkennen von Geräuschen, die sich rechts bzw. links vom Kopf befinden, wird durch zwei weitere Charakteristiken der Schallausbreitung ermöglicht: Beschallt ein Lautsprecher das rechte Ohr, so benötigt das Signal länger, bis es das linke Ohr erreicht. Zusätzlich bildet der Kopf einen Schallschatten für die hohen Frequenzen und beeinflusst dadurch den Klangcharakter. Das Gehirn errechnet aus all diesen Unterschieden ein räumliches Bild, das die Zuordnung einer Schallquelle zu einem bestimmten Ort ermöglicht. Je höher das Frequenzspektrum, desto besser funktioniert die akustische Ortung: Weil der Kopf für tiefe Frequenzen (=lange Wellenlängen) kein nennenswertes Hindernis bildet, hört sich der Schall auf beiden Ohren nahezu gleich an. Deshalb kann das Knistern eines Papiers während eines Vortrags oder in einem Konzertsaal leicht einer Person zugeordnet werden, während eine räumliche Ortung der Bässe kaum möglich ist.

Die Ohrmuschel geht in den Gehörgang über, der leicht S-förmig gewunden ist und nach etwa 3 cm am Trommelfell endet. In der ersten Hälfte ist er knorpelig, und hier produzieren Drüsen das Cerumen, «Ohrenschmalz» genannt. Das Cerumen dient der Selbstreinigung des Gehörgangs, indem es Schmutz umhüllt und nach aussen befördert. Die zweite Hälfte des Gehörgangs ist knöchern und befindet sich innerhalb des Schädelknochens, er ist im Normalfall frei von Cerumen. Der Gehörgang leitet den Schall zum Trommelfell.

Am Trommelfell trifft der Schall auf das sogenannte Mittelohr, bestehend aus dem Trommelfell und den drei Gehörknöchelchen Hammer, Amboss und Steigbügel. Das Mittelohr ist mit Luft gefüllt und hat hauptsächlich die Aufgabe, den Luftschall möglichst ohne Verlust ins Innenohr zu übertragen. Dabei wird das Trommelfell durch den Schall in Schwingung versetzt, die sich über Hammer, Amboss und Steigbügel auf das Innenohr überträgt. Die Fussplatte des Steigbügels sitzt gut verankert im sogenannten ovalen Fenster und überträgt die Schwingung mit einer kolbenförmigen Bewegung auf das Innenohr, das mit Flüssigkeit gefüllt ist.

Das Innenohr hat seinen Sitz im Felsenbein, einem extrem harten Knochen, der seinen Namen seiner Form und seiner Festigkeit verdankt. In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich auch das Gleichgewichtsorgan, das den Körper ständig über Bewegungen informiert. Das Innenohr heisst auch «Schnecke», da es einen spiralförmig gewundenen Gang bildet, der dem Gehäuse einer Weinbergschnecke gleicht. Der Gang wird über die gesamte Länge von 2 1/2 Windungen durch eine Membran geteilt.

Auf der sogenannten Basilarmembrane sitzen in jedem Ohr rund 18'000 Hörzellen, die Haarzellen, die den Schall wahrnehmen, analysieren und verstärken. Sie sind aufgeteilt in drei Reihen äusserer und eine Reihe innerer Haarzellen. Während die äusseren Haarzellen den Schall aktiv verarbeiten, leiten ihn die inneren an das Gehirn weiter.

Durch die Bewegungen des Steigbügels wird im Innenohr eine wellenförmige Bewegung der Basilarmembrane ausgelöst, die Wanderwelle. Diese Wanderwelle wurde erst in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts durch den Physiker Georg von Békésy entdeckt, und heute noch wird intensiv erforscht, wie genau die Verstärkungsmechanismen der äusseren Haarzellen funktionieren. Die Hörzellen am Beginn der Schnecke, nahe dem ovalen Fenster, sind zuständig für die Verarbeitung der hohen Töne, während die Haarzellen am Ende der Schnecke die tiefen Frequenzen wahrnehmen.

Die von den Hörzellen wahrgenommenen Informationen werden über den Hörnerv, den Nervus cochlearis, als elektronische Impulse zum Hirnstamm gesendet. Hier erfolgt eine Verarbeitung und Umschaltung der Nervenimpulse, die weitergeleitet werden bis zum primären auditorischen Kortex des Grosshirns, der im Schläfenlappen liegt. Nach weiterer Verarbeitung tritt das Gehörte dann an unser Bewusstsein.

Auf dem Weg von der Schallwelle bis zu dem Punkt, an dem wir uns bewusst sind, dass wir etwas hören, liegen zahlreiche Verarbeitungsstationen. Jede von ihnen benötigt Zeit, weshalb unser Bewusstsein der Wirklichkeit stets rund eine Drittelsekunde hinterher hinkt. Bei der Verarbeitung leistet unser Gehirn aber Unvorstellbares: Es reduziert die Informationsflut, die in Tat und Wahrheit auf uns eindringt, so weit, dass nur die wichtigen Dinge ans Bewusstsein gelangen. Die Sinnesorgane liefern jede Sekunde etwa 1 Megabyte an Daten zum Gehirn – mehr als 99,9% werden als unwichtig aussortiert.

Der Hörgeräteakustiker als Handwerker
Hörgeräte werden im Gehörgang oder Hinter dem Ohr getragen. Das Hinter-dem­Ohr­Gerät (HdO) besteht aus einem Gehäuse, in dem die Elektronik untergebracht wird, und einem Ohrpassstück, wobei das Gehäuse hinter dem Ohr getragen wird. Beim Im­Ohr­ und Kanal-Gerät (IdO) wird das Gehäuse selber im Gehörgang getragen. Der Hörgeräteakustiker hat den Überblick über sämtliche Hörgeräte-Typen und entscheidet aufgrund der Anatomie des individuellen Gehörgangs sowie der Art und des Schweregrades der Schädigung, ob Im-Ohr- oder Hinter-dem-Ohr-Geräte in Frage kommen. Weil Ohrmuschel und Gehörgang von Mensch zu Mensch verschieden sind, muss für jedes Hörgerät ein Abdruck davon genommen werden. Das ist eine der Aufgaben, die zum Alltag des Hörgeräteakustikers gehören. Das Erstellen des Ohrabdrucks erfordert Sorgfalt und handwerkliches Geschick, weil die kleinste Ungenauigkeit dazu führen kann, dass das Hörgerät bzw. das Ohrpassstück nicht richtig sitzt und das Hörgerät nicht richtig angepasst werden kann.

Die Herstellung des Gehäuses und des Ohrpassstücks wird in der Regel an einen Hörgerätehersteller oder ein Fachlabor vergeben. Fertigt der Hörgeräteakustiker das Ohrpassstück bzw. die Otoplastik selber, so ist auch dazu grosse Präzision erforderlich.

3. Hörschäden und Schwerhörigkeit

Die überaus feinen Hörzellen des Innenohrs sind äusserst verletzlich. Eine zu hohe Belastung überfordert die Stoffwechselvorgänge. Wenn eine zu hohe Belastung nur kurz dauert, so können sich die Zellen in einer anschliessenden Ruhepause wieder erholen. Dauert die Belastung aber zu lange oder wiederholt sie sich laufend ohne ausreichende Ruhepausen, so können die betroffenen Zellen stark geschädigt werden oder absterben. Zellen, die einmal geschädigt sind, regenerieren sich nicht und wachsen auch nicht nach. Das bedeutet, dass bestimmte Frequenzen nicht mehr wahrgenommen werden können. Das mag anfänglich nicht weiter behindernd und kaum wahrzunehmen sein – weil sich die Schädigungen aber kumulieren, fällt dann plötzlich ein ganzer Frequenzbereich aus: Man hört schlecht, hört vielleicht die Vögel oder hohe Geräusche wie Schlüsselgeklapper gar nicht mehr und hat Mühe damit, andere Leute zu verstehen. Hinzu kommt, dass die Leistungsfähigkeit der Haarzellen mit fortschreitendem Alter abnimmt. Zusammen mit den Schädigungen, die man sich im Laufe des Lebens zugezogen hat, kann diese natürliche Abnahme im mittleren Alter starke Hörverluste zur Folge haben.

Die Hauptursache für Schwerhörigkeit ist in weitaus den meisten Fällen der Lärm. Seine Stärke, d. h. die Stärke des Schalldrucks, wird in Dezibel gemessen. Für das Gehör haben kurze, sehr laute Knalle die verheerendsten Wirkungen – bei vielen älteren Männern ist die Schwerhörigkeit auf Schiessübungen im Militär zurückzuführen. Schaden anrichten können aber auch Discmans und MP3-Plyer, die zu laut eingestellt sind, Stereoanlagen und zu lautes Musikhören über Kopfhörer – und nicht zu vernachlässigen ist das Motorengedröhn von Motorrädern, das einen Schalldruck von bis zu 120 Dezibel erreicht. Demgegenüber ist die Belastung des Gehörs durch Rock­ und Popkonzerte weniger stark, als ursprünglich angenommen wurde, zudem hat man in der Schweiz den erlaubten Schalldruckpegel auf 93 Dezibel festgelegt.

Neben dem Lärm können aber auch Entzündungen, Missbildungen, Verletzungen und Erkrankungen zu einer Schädigung des Gehörs führen. Relativ häufig sind Entzündungen der Gehörmuschel und des Gehörgangs, die aber meist harmlos ablaufen. Ebenfalls häufig sind Verstopfungen des Gehörgangs durch einen Ohrenschmalzpfropf oder durch einen Fremdkörper, der zufällig in den Gehörgang gelangt – auch dies ist harmlos, kann aber das Hörvermögen stark beeinträchtigen und muss vom Ohrenarzt behoben werden.

Schwerwiegender sind Verletzungen und Erkrankungen des Mittelohrs, vor allem, wenn sie das Trommelfell oder die Gehörknöchelchen (Hammer, Amboss, Steigbügel) in Mitleidenschaft ziehen. Solche Verletzungen können zum Beispiel durch eindringende Gegenstände oder starke Druckwellen – explodierende Knallkörper, Ohrfeigen, Kopfsprung ins Wasser – verursacht werden. Relativ häufig sind auch der Tubenkatarrh und die akute oder chronische Mittelohrentzündung sowie die Otosklerose, eine Verknöcherung des Steigbügels, die einen mikro­chirurgischen Eingriff erfordert.

Auch Innenohr-Erkrankungen können Schwerhörigkeit zur Folge haben. Eine der spektakulärsten Funktionsstörungen ist der Hörsturz, der als plötzliche Schwerhörigkeit oder Ertaubung auftritt. Die Ursachen sind bis heute nicht völlig geklärt, doch steht fest, dass der auslösende Faktor stets ein Sauerstoffmangel ist. Dieser Sauerstoffmangel kann die Folge von Übergewicht, übermässigem Alkohol­ und Tabakkonsum, vor allem aber auch von Stress sein. Das Innenohr kann aber auch durch Infektionskrankheiten geschädigt werden, bekannt sind dafür Gürtelrosen, Röteln, Mumps oder Masern. Und schliesslich können viele Innenohr-Schädigungen auf sogenannte «ototoxische Substanzen» zurückgeführt werden: auf Giftstoffe, die auch in vielen Medikamenten, insbesondere in Antibiotika, vorkommen.

Eine besondere Art der Hörschädigung, von der heute zusehends mehr Menschen betroffen sind, ist der sogenannte «Tinnitus»: akustische Phänomene, die ihre Quelle nicht in der Umgebung, sondern im Organismus selber haben. Studien zeigen, dass rund 15 Prozent aller Einwohner eines Landes davon – vorübergehend oder dauernd – betroffen sind. Dabei sind die Geräusche, die sie wahrnehmen, sehr unterschiedlich: Sie können sich anhören wie das Läuten von Kirchenglocken, das Scheppern von Türklingeln, als Brummen, Pfeifen, Kreischen, aber auch als Knarren, Hämmern, Klopfen. Das Leiden kann einseitig oder auf beiden Ohren, ununterbrochen oder phasenweise auftauchen. Am verbreitetsten sind aber Pfeifgeräusche, und in der Mehrzahl der Fälle ist davon nur ein Ohr betroffen. Lesen Sie hier mehr über den Tinnitus.

Der Hörgeräteakustiker als Partner des Ohrenarztes und der hörgeschädigten Menschen 
Wendet sich jemand für einen Hörtest an den Hörgeräteakustiker, so nimmt dieser eine erste Abklärung vor. Stellt er dabei eine Beeinträchtigung des Hörvermögens fest, vermittelt er die Kundin oder den Kunden an einen Ohrenarzt: Seine Aufgabe ist es, das Gehör medizinisch zu beurteilen und insbesondere abzuklären, ob die Hörschwäche ihre Quelle im Gehörgang, im Mittelohr, im Innenohr, in den Nervensträngen oder im Hörzentrum im Gehirn hat. Der Arzt entscheidet auch, welche Massnahmen für die Behebung einer Schwerhörigkeit notwendig sind.

Bei einer Innenohr-Schwerhörigkeit ist meist eine Hörgeräte-Versorgung angezeigt. In diesem Fall stellt der Ohrenarzt der betroffenen Person eine Erst-Expertise für die Anpassung eines Hörgeräts durch einen Hörgeräteakustiker aus und führt am Schluss, nach der Hörgeräteanpassung durch den Hörgeräteakustiker, auch die Schlusskontrolle durch.

Die ärztlichen Audiogramme dienen in erster Linie der genauen Diagnose über Art und Schwere des Hörverlusts, die anschliessenden Messungen des Hörgeräteakustikers sind ausschliesslich auf die Wiederherstellung des Hörvermögens ausgerichtet. Dazu lotet der Hörgeräteakustiker beispielsweise das Resthörvermögen präzise aus und klärt genauestens ab, ab welcher Lautstärke Töne als unangenehm laut empfunden und bei welcher Lautstärke sie gerade noch wahrgenommen werden. Erst danach wählt er das geeignete Hörgerät aus.

Für die audiologischen Messungen und Abklärungen sowie für die Wahl des Hörgerätes ist der Hörgeräteakustiker auf die Mitarbeit der Kundin oder des Kunden angewiesen. Um die Angaben zu erhalten, die er für die Wahl des «richtigen» Hörgerätes benötigt, muss der Hörgeräteakustiker es verstehen, die «richtigen» Fragen zu stellen – auch betreffend beruflichem und privatem Umfeld, weil durch diese bestimmte Anforderungen an das Hörvermögen gestellt werden. Der Hörgeräteakustiker muss deshalb teilweise auch «intime» Fragen stellen, und dazu muss er es verstehen, zu seinen einzelnen Kundinnen und Kunden ein Vertrauensverhältnis zu schaffen.

4. Hörgeräte sind leistungsfähige Computer

Die Hände waren wohl die ersten Klangverstärker für Menschen mit Hörschäden: Indem man sie hinter die Ohren hielt, vergrösserte man die Auffangfläche für den Schall. Erste eigentliche Hörhilfe war dann später und bis in die Dreissigerjahre unseres Jahrhunderts das Hörrohr. Seither hat die Hörgerätetechnologie enorme Fortschritte gemacht. Dazu beigetragen haben vor allem die Entwicklung und Einführung der Transistortechnik, später der Mikroprozessortechnik und in neuester Zeit die Nutzung der Digitaltechnologie.

Moderne, volldigitale Hörgeräte verstärken und entzerren den Klang nicht mehr analog, sondern wandeln die Signale in Bits, die dann mittels komplexer Rechenverfahren verändert und in akustische Signale zurückgewandelt werden. Dank der Digitaltechnologie lassen sich Hörgeräte heute sehr genau an die individuelle Schädigung anpassen, und es können je länger je effizienter die Bedürfnisse der Hörgeräteträgerinnen und Hörgeräteträger erfüllt werden. So analysieren die meisten der volldigitalen Geräte laufend die Klangwelt der Umgebung und passen die Verstärkung bzw. Dämpfung laufend neu an, wobei sie Sprache hervorheben und Störlärm unterdrücken. Die meisten unterdrücken auch weitgehend das Rückkopplungspfeifen oder Windgeräusche. Dank der zunehmenden Miniaturisierung der Technik konnten die Hörgeräte auch wesentlich verkleinert werden. Je nach Hörschaden und Weite eines Hörgangs können Im-Ohr-Geräte hergestellt werden, die sehr tief im Kanal sitzen und kaum mehr zu sehen sind. Bei schwerwiegenden Hörschäden sind aber meistens noch immer Hinter­dem­Ohr­Geräte notwendig, da sie relativ viel Platz für leistungsfähigste Hörer (Lautsprecher) bieten.

Hörgerätehersteller sind heute hoch spezialisierte High-Tech-Unternehmen mit gut dotierten Entwicklungsabteilungen und modernsten Produktionsstätten, und die Hörgeräteindustrie zählt zu den dynamischsten und innovativsten Wirtschaftszweigen. Die meisten dieser Unternehmen arbeiten auf ein und dasselbe Ziel hin: Hörgeräte und -systeme zu entwickeln, die den Hörgeschädigten ein Optimum an Leistung und Komfort bieten und ein nahezu «natürliches» Hören wieder ermöglichen.

Der Hörgeräteakustiker als Computerspezialist und Psychologe
Mit der zunehmend verfeinerten Technologie haben auch die Möglichkeiten für die Anpassung und Feinabstimmung auf das individuelle Gehör zugenommen. Stellte früher der Hörgeräteakustiker das Hörgerät direkt beim Ohr mit einem Schraubenzieher ein, so ist heute ein komplexes und zeitaufwändiges Anpassverfahren erforderlich. Diese Anpassung erfolgt meistens über ein Computerprogramm welches von den Hörgeräteherstellern jeweils für ein bestimmtes Hörgerät bzw. eine neue Serie entwickelt und den Hörgeräteakustikern zur Verfügung gestellt wird.

Dank der vielen verschiedenen Parameter, die sich heute programmieren lassen, hat der Hörgeräteakustiker die Chance, einen hörgeschädigten Menschen an die optimale Einstellung und Verstärkung heranzuführen: Weil das Hörzentrum verlernt, Geräusche und Laute richtig zuzuordnen und Unerwünschtes abzudämpfen, erscheint manchen Leuten eine Verstärkung als zu laut, wenn sie Geräusche wieder hörbar macht, die vorher nicht mehr vorhanden waren. Dem Hörgeräteakustiker kommt hier die wichtige Aufgabe zu, die Verstärkung nach und nach aufs Optimum einzustellen und gleichzeitig den Hörgeräteträger über die notwendige Gewöhnungsphase aufzuklären, so, dass dieser die dafür nötige Geduld und Hartnäckigkeit aufbringt.

Sowohl bei der Anpassung wie bei der Eingewöhnung und den Feinanpassungen ist der Hörgeräteträger der wichtigste Partner für den Hörgeräteakustiker: Eine Hörgeräteanpassung gelingt nur dann ideal, wenn der Träger Auskunft gibt über sein individuelles Klangempfinden und über die Klangmuster, die er bevorzugt. Das ist individuell derart verschieden, dass auch bei nahezu gleicher Hörschädigung und gleichen Hörgeräten die Anpassung unterschiedlich sein kann. Um diese verschiedenen Hörempfindungen kennenzulernen, muss der Hörgeräteakustiker über Einfühlungsvermögen verfügen und es verstehen, die Träger zur «Selbstbeobachtung» zu motivieren – und dazu, darüber bei einer nächsten Feinanpassung zu erzählen.

Die Beziehung zu den Hörgeräteträgerinnen und ­trägern geht aber weit über die Anpassung hinaus: Nach­ oder Neuanpassungen können nötig sein, wenn das Hörvermögen sich verschlechtert, der Hörgeschmack sich verändert, der Hörgang sich weitet oder ein berufliches oder privates Umfeld wechselt. Und auch wenn keine Neuanpassung nötig ist, sind doch periodische Kontrollen nötig. Der Hörgeräteakustiker gewährleistet zudem den einwandfreien Betrieb etwa durch regelmässiges Reinigen des Geräts, die Abgabe von Batterien, er nimmt allfällige kleinere Reparaturen selber vor oder sendet das Hörgerät an ein Reparaturlabor und sorgt für einen zwischenzeitlichen Ersatz. Darüber hinaus berät er den Kunden über Zusatzgeräte und Kurse zum Umgang mit der Schwerhörigkeit, aber auch zur Finanzierung der Geräte. Diese ganze Vielfalt an Aufgaben erfordert eine hohe soziale Kompetenz ebenso wie profundes Fachwissen.

5. Die Partner des Hörgeräteakustikers

Die Ohrenärzte: Oto-Rhino-Laryngologen, das heisst Hals-, Nasen­, Ohren-Ärzte (HNO-Ärzte) sind Spezialärzte, die sich nach dem Grundstudium auf den menschlichen Wahrnehmungsapparat konzentriert haben. Sie sind die erste Anlaufstelle für Personen, die feststellen, dass mit ihrem Gehör etwas nicht mehr in Ordnung ist. Der HNO­Arzt beurteilt das Gehör aus medizinischer Sicht und entscheidet, welche Massnahmen notwendig sind.

Die Hörgeräte-Hersteller liefern dem Hörgeräteakustiker die Hörgeräte zusammen mit Broschüren für sowie Software für die Anpassung über den Computer. Der Hersteller übernimmt oft auch die Fertigung der Hörgeräteschalen bzw. Ohrpassstücke sowie die Reparatur beschädigter Geräte. Die Hörgeräte-Hersteller sind auf eine enge Zusammenarbeit mit dem Hörgeräteakustiker angewiesen, weil nur dank einer fachmännischen Anpassung ein Hörgerät seine optimale Leistung erbringen kann. Gleichzeitig ist der Dialog mit dem Hörgeräteakustiker wichtig, um die Geräte weiter verbessern und den Bedürfnissen der Hörgeschädigten anpassen zu können.

Die Sozialversicherungen IV und AHV sowie die Militärversicherung und die SUVA sind weitere grosse Partner des Hörgeräteakustikers. Der grösste Teil der Hörgeräte ist ganz oder teilweise von IV oder AHV finanziert. Gegenüber den Sozialversicherern muss der Hörgeräteakustiker in Zusammenarbeit mit dem Facharzt den Nutzen einer Hörgeräte-Versorgung sowie nach Abschluss einer Versorgung seine Leistungen belegen.

Unternehmer, Werber, Marketingmann – ein Beruf mit Zukunft 
Mit der entsprechenden Ausbildung ist der Hörgeräteakustiker auch Unternehmer: Er führt ein eigenes Geschäft oder eine Filiale einer Geschäftskette. Das bedeutet, dass er auch Angestellte führt und administrative Aufgaben wahrnimmt. Er hat Kontakte mit Ohrenärzten, Kliniken, Heimen und Schulen und den Sozialversicherungen. Gleichzeitig hat er die Möglichkeit, sich kreativ zu betätigen, etwa bei der Gestaltung seiner Schaufenster, der Herstellung von Flugblättern und – unter Beizug von professioneller Unterstützung – der Erarbeitung von Broschüren. Zu seinem Marketing gehört es, an Veranstaltungen wie beispielsweise Messen teilzunehmen.

Der Beruf des Hörgeräteakustikers hat ausgezeichnete Zukunftsperspektiven nicht zuletzt deshalb, weil der Anteil der Senioren an der Wohnbevölkerung zunimmt. Zudem ist, dank des Fortschritts in Medizin und Pharmazie, mit einer weiteren Zunahme der Lebenserwartung zu rechnen. Dabei sind die «neuen» Senioren sehr aktive Konsumenten, die sich in ihren Aktivitäten nicht einschränken lassen wollen und eine gewisse Lebensqualität als selbstverständlich betrachten. Zunehmend pragmatisch wird auch der Umgang der künftigen Senioren mit technischen Hilfsmitteln sein. Sie werden deshalb die Hemmschwelle gegenüber Hörgeräten leichter überwinden als frühere Generationen und sich zugunsten der Lebensqualität entscheiden.

Im Zunehmen begriffen ist aber auch die Zahl der jüngeren Hörgeschädigten: Weil sich viele junge Leute überlauter Musik aussetzen, müssen mehr und mehr Leute bereits in jungen oder mittleren Jahren mit Hörgeräten versorgt werden. Noch stärker dürfte die Zahl der Leute steigen, die im Alter wegen ihrer «Jugendsünden» auf Hörgeräte angewiesen sein werden.

Stimulierend auf die Nachfrage auswirken dürfte sich zudem die Entwicklung noch leistungsfähigerer Hörgeräte: Je besser der subjektive Nutzen eines Hörgerätes ist und je besser es den Hörverlust zu kompensieren vermag, desto höher ist in der Regel auch seine Akzeptanz. Kommt hinzu, dass die Miniaturisierung der Systeme noch nicht abgeschlossen ist, so dass auch rein kosmetische Ängste weniger ins Gewicht fallen werden.

Der Hörgeräteakustiker hat sich aufgrund der Entwicklung der Technologie vom Handwerker zum Rehabilitations-Spezialisten gewandelt, der sich dank computergestützter Systeme darauf konzentrieren kann, im Dialog mit dem Kunden eine differenzierte Analyse des Hörvermögens und danach eine präzise individuelle Anpassung vorzunehmen. Die Technologieentwicklung wird von allen Hörgeräte-Herstellern weiter vorangetrieben, und je präziser die Anpassung erfolgen kann, desto wichtiger werden dieser Dialog und die psychologische Betreuung, die zu jeder Anpassung gehört. Für den Hörgeräteakustiker heisst dies, dass er auch in Zukunft Einblick in die neuesten technologischen Entwicklungen haben wird und hier auch in Sachen Weiterbildung immer wieder gefordert ist.