Lärm: Hauptursache verbreiteter Schwerhörigkeit

«Ein Mensch vergisst den Lärm, den er erlitt; sein Körper aber vergisst ihn nicht». Dieser Ausspruch zeigt die Grundproblematik der Lärmschwerhörigkeit auf: Die vorübergehende Strapazierung des Gehörs bleibt meist ohne direkt fühlbare Folgen, doch summiert sich die Wiederholung solcher Störungen nach und nach zu einem empfindlichen und nicht wieder rückgängig zu machenden Hörverlust.

Von der Schädigung der Haarzellen …

Die Gründe für den oftmals sehr grossen Abstand zwischen dem eigentlichen Schadensereignis und der Schadensfeststellung liegen im spezifischen Aufbau und der Funktionsweise des menschlichen Gehörs – namentlich in jener der ultrafeinen und äusserst verletzlichen Haarzellen im Innenohr. Eine zu hohe Belastung des Gehörs durch hohe Schalldrücke führt zu einer Überstrapazierung dieser Organe. Sind diese Überforderungen nicht zu hoch und nur von kurzer Dauer, so können sich die Zellen in einer anschliessenden Ruhephase wieder erholen. Sind die Störungen jedoch sehr stark – wie beispielsweise bei einem Knalltrauma – oder wiederholen sie sich immer wieder ohne ausreichende Ruhephasen, so können die Zellen stark geschädigt werden oder absterben.

… bis zur Schwerhörigkeit …

Die Fachwelt unterscheidet dabei zwischen TTS­ und PTS­Effekt. TTS steht für «Temporary Threshold Shift» (zu Deutsch: vorübergehende Schwellenverschiebung), PTS für «Permanent Threshold Shift», eine definitive Verschiebung der Hörschwelle. Schalleinwirkungen im TTS­Bereich führen also zu einer vorübergehenden Beeinträchtigung, solche im PTS­Bereich zu einer definitiven Schädigung des Hörvermögens. Die Grenzen sind fliessend: TTS­Effekte ohne ausreichende Ruhephasen können sich zu PTS-Effekten aufsummieren. Da die Haarzellen nach bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht nachwachsen können, ist der PTS­Effekt definitiv. Je nach Art der Lärmeinwirkung können dabei Hörzellen höherer, mittlerer oder tieferer Frequenzen geschädigt werden. Die Folgen äussern sich bei den Betroffenen in einem Hochton-, einem Tiefton- oder einem Hörverlust im mittleren Frequenzbereich.

… dauert es oft Jahrzehnte

Da die Leistungsfähigkeit der Haarzellen mit fortschreitendem Alter erheblich abnimmt, können sich in einer späteren Lebensphase starke Hörschäden bemerkbar machen, deren Ursachen um Jahrzehnte zurückliegen. Umgekehrt bestehen umso bessere Chancen für eine gute akustische Wahrnehmungsfähigkeit bis ins hohe Alter, je mehr man seinem Gehör in jungen Jahren Sorge trägt und es zum Beispiel vermeidet, das Gehör mutwillig länger andauernden hohen Schalldrucken auszusetzen.

Verlagerung vom Arbeitsplatzlärm zum Freizeitlärm

Die vorzeitige oder überdurchschnittlich gravierende Altersschwerhörigkeit war bisher weitgehend auf Lärm am Arbeitsplatz oder auf Schiessübungen im Militärdienst zurückzuführen. Während im Militär und am Arbeitsplatz jedoch seit langem Anstrengungen unternommen werden, den Gehör gefährdenden Lärm auf ein Minimum zu reduzieren, ist in den letzten Jahren die Tendenz gestiegen, sich in der Freizeit starken Lärmbelastungen auszusetzen. Dies betrifft vor allem die jüngeren Generationen, die ihr Gehör an Rock­ und Popkonzerten oder bei Besuchen in Discos und Clubs in fahrlässiger Art aufs übelste traktieren.

Unterschätzte kumulative Effekte

Unterschätzt wird dabei die Tatsache, dass die Lärmbelastungen des Gehörs eine kumulative Wirkung haben – d.h. dass sich mehrere kleinere Belastungen zu einer grösseren aufsummieren können. Die grössten Risiken liegen deshalb dort vor, wo mehrere Lärmquellen so zusammenkommen, dass die dazwischenliegenden Ruhepausen zur Erholung des Gehörs nicht ausreichen. Wer also häufig Motorrad fährt, Discos besucht, zu Hause laute Musik hört und gar noch am Arbeitsplatz mit erheblichem Lärm konfrontiert ist, hat seinen Hörschaden selbst dann vorprogrammiert, wenn die kritische Grenze nur leicht und kurzfristig überschritten wird.

Deshalb: Mehr Sorge tragen zum Gehör!

Leider werden die Probleme der Überbeanspruchung des Gehörs durch Unterhaltungs- und anderen Lärm von den Eltern und den Jugendlichen vielfach noch zu wenig erkannt. Während auf Bundesebene bereits verschiedene Massnahmen zum Schutze Jugendlicher vor übermässigen Schallemissionen getroffen wurden, ist es um die Kenntnisse der vom Schall ausgehenden Gefahren für das Gehör noch sehr schlecht bestellt; dies hat eine Untersuchung der SUVA unter Jugendlichen in Luzern mit aller Deutlichkeit gezeigt. Es muss deshalb mehr getan werden, um Jugendliche vor lebenslangen Beeinträchtigungen ihrer Gesundheit und vor drohender gesellschaftlicher Isolation im fortgeschrittenen Alter zu bewahren. Aber auch, um unser Sozialwesen vor jenen immensen Belastungen zu schützen, die solche Schäden zwangsläufig nach sich ziehen. Schäden, die bei besserer Aufklärung und wirksamerer gesellschaftlicher Kontrolle vermeidbar wären.

Literaturhinweis

Die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt SUVA – die sich seit vielen Jahren mit grossem Erfolg für die Prävention von Hörschäden engagiert und in dieser Domäne über ein einzigartiges Know­how verfügt – hat zum Thema «Musik und Hörschäden» eine sehr lesenswerte Informationsbroschüre herausgegeben. Die vom Leiter der Sektion Akustik, Dr. Beat Hohmann, verfasste Schrift erläutert auf leicht verständliche Art die komplexen Zusammenhänge zwischen Schalleinwirkungen und Gehörschäden. Zugleich enthält sie unter dem Titel «Musik und Hörschäden» eine Fülle konkreter Anregungen für den wirksamen Schutz des Gehörs.