EU-Par­la­ment zum World Hea­ring Day, 3. März 2026

EU-Par­la­ment zum World Hea­ring Day, 3. März 2026

EU-Par­la­ment zum World Hea­ring Day, 3. März 2026 1500 571 Akustika

EU‑Parlament zum World Hea­ring Day 2026: „From School to Work­place“ – Hör­ge­sund­heit als Schlüs­sel für Beschäf­ti­gung und Teilhabe

Brüs­sel, 5. März 2026. Im Euro­päi­schen Par­la­ment fand die inter­na­tio­na­le Vir­tu­al Lunch Deba­te zum World Hea­ring Day 2026 statt. Gast­ge­be­rin war die deut­sche Euro­pa­ab­ge­ord­ne­te Kat­rin Lan­gen­sie­pen (Grü­ne). Orga­ni­siert wur­de die Debat­te von AEA, EFHOH und EHIMA in enger Koope­ra­ti­on mit der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (WHO). Mit 143 Teil­neh­men­den aus 33 Län­dern unter­strich die Ver­an­stal­tung die glo­ba­le Rele­vanz des dies­jäh­ri­gen The­mas: „FROM SCHOOL TO WORKPLACE“ – mit beson­de­rem Fokus auf Arbeitsplatz.

Im Zen­trum stand die Fra­ge, wie der Über­gang von Schu­le in Aus­bil­dung und Arbeits­welt so gestal­tet wer­den kann, dass Men­schen mit Hör­min­de­rung nicht benach­tei­ligt wer­den – und wel­che poli­ti­schen und prak­ti­schen Schrit­te dafür not­wen­dig sind.

Hör­ver­sor­gung raus aus der „Rand­no­tiz“ – rein in die Strukturpolitik

MEP Kat­rin Lan­gen­sie­pen eröff­ne­te die Debat­te mit einem kla­ren Appell: Hören ver­bin­det Men­schen mit Gemein­schaft, Bil­dung und Chan­cen – den­noch sei Hör­ver­sor­gung in der Gesund­heits­po­li­tik zu lan­ge ein Rand­the­ma geblie­ben. Ihre For­de­rung: sys­te­ma­ti­sche, struk­tu­rell ver­an­ker­te Lösungen.

Genannt wur­den u. a.:

  • Regel­mä­ßi­ge Hör­checks als Rou­ti­ne – ver­gleich­bar mit Seh­tests oder Blutdruckmessungen
  • Erstat­tungs­sys­te­me, die nicht nur Gerä­te, son­dern auch Reha­bi­li­ta­ti­on, Bera­tung und Nach­sor­ge abbilden
  • Bar­rie­re­frei­heit „by design“ in digi­ta­len Platt­for­men, Klas­sen­zim­mern und Arbeitsplätzen
  • sta­bi­le Früh­in­ter­ven­ti­ons- und Screening‑Strukturen, damit Kin­der euro­pa­weit nicht „durchs Ras­ter“ fallen

Ein zen­tra­les Argu­ment: Laut WHO kos­tet unbe­han­del­te Hör­min­de­rung die Welt­wirt­schaft über 980 Mrd. USD jähr­lich (u. a. durch Pro­duk­ti­vi­täts­ver­lust, Arbeits­lo­sig­keit und sozia­le Iso­la­ti­on). Inves­ti­tio­nen in Prä­ven­ti­on und Ver­sor­gung lie­fern einen geschätz­ten Return von mehr als 15:1.

WHO: Früh­erken­nung ent­schei­det über Bil­dungs­we­ge – und über Arbeit

Shel­ly Chad­ha (WHO, Genf) ver­deut­lich­te die Bedeu­tung frü­her Dia­gno­se mit einer Geschich­te aus ihrer kli­ni­schen Pra­xis: Zwei Brü­der mit ver­gleich­ba­ren Ohr­pro­ble­men – der eine wur­de dank Schul‑Screening früh erkannt und ist heu­te berufs­tä­tig; der ande­re wur­de erst spät dia­gnos­ti­ziert, brach die Schu­le ab, und ver­lo­re­ne Chan­cen lie­ßen sich trotz spä­ter Behand­lung nicht zurückholen.

Die WHO betonte:

  • Welt­weit leben über 95 Mio. Schul­kin­der mit unbe­han­del­ter Hörminderung.
  • Unbe­han­del­te Hör­min­de­rung beein­flusst Sprach­ent­wick­lung, Ler­nen und Bil­dung – mit lang­fris­ti­gen Fol­gen für Beschäf­ti­gung, Ein­kom­men und sozia­le Beziehungen.
  • Wirk­sa­me Inter­ven­tio­nen umfas­sen u. a. Hör­tech­no­lo­gien, Reha­bi­li­ta­ti­on, medi­zi­ni­sche Therapie/Chirurgie, Gebär­den­spra­che, Untertitelung.

Shirin Kia­ni (WHO Euro­pa, Kopen­ha­gen) stell­te WHO‑Instrumente für die Umset­zung vor: #SafeListening‑Standards, neue kind­ge­rech­te Infor­ma­ti­ons­ma­te­ria­li­en sowie Leit­li­ni­en für Seh‑ und Hör­scree­nings in Schu­len. Ange­kün­digt wur­de außer­dem die WHO EARS App, ein ton­ba­sier­tes Screening‑Tool für Kin­der ab 5 Jah­ren, das nach kur­zer Schu­lung ein­ge­setzt wer­den kann.

„Inklu­si­on wird durch die Umge­bung bestimmt“

Die iri­sche Disability‑Advocate Nico­le Sophie Mari­nos brach­te die Per­spek­ti­ve Betrof­fe­ner in die Debat­te: „Inclu­si­on is deter­mi­ned by the envi­ron­ment, not by disa­bi­li­ty.“ Früh erkann­te und ver­sorg­te Hör­min­de­rung kön­ne Teil­ha­be ermög­li­chen – wenn das Umfeld mitspielt.

Beson­ders ein­drück­lich: In einem inklu­si­ven Schul­set­ting mit akus­tisch opti­mier­ten Klas­sen­räu­men, geschul­ten Lehr­kräf­ten und tech­ni­schen Unter­stüt­zungs­sys­te­men wur­de ihre Hör­min­de­rung nicht zum Lern­hin­der­nis. Gleich­zei­tig zeig­te sie, dass im Über­gang von Bil­dung in den Beruf Inklu­si­on häu­fig abbricht – weil Wis­sen, Stan­dards und kon­kre­te Umset­zungs­we­ge in Unter­neh­men feh­len, selbst wenn die Bereit­schaft zur Unter­stüt­zung da ist.

Arbeits­markt und Pro­duk­ti­vi­tät: Daten zei­gen den Handlungsdruck

Ste­fan Zim­mer (EHIMA) stell­te die Ergeb­nis­se der EuroTrak‑Studie zur Ver­fü­gung, die­se zeigt die Ver­bin­dung von Hör­ge­sund­heit, Ver­sor­gung und Pro­duk­ti­vi­tät. Kernaussagen:

  • Beschäf­ti­gungs­quo­te: 64% bei Men­schen mit Hör­min­de­rung vs. 77% in der Gesamtbevölkerung.
  • Geschätz­ter Ver­lust: 55 Mrd. EUR pro Jahr durch redu­zier­te Pro­duk­ti­vi­tät in der EU.
  • Hörsystem‑Nutzende berich­ten deut­lich weni­ger kör­per­li­che und men­ta­le Erschöpfung.
  • 93% sehen Hör­sys­te­me als (min­des­tens) nütz­lich für ihre Arbeit.

AEA/EFHOHBefra­gung: Tech­nik reicht nicht – es braucht Empower­ment und Arbeits­platzAnpas­sung

Mark Laureyns (AEA) und Lidia Best (EFHOH) stell­ten eine gemein­sa­me Befra­gung mit 819 Teil­neh­men­den vor. Vie­le nut­zen Hör­sys­te­me bzw. Cochlea‑Implantate inten­siv und bewer­ten sie posi­tiv. Gleich­zei­tig zeigt die Stu­die klar: Gerä­te allein garan­tie­ren kei­nen beruf­li­chen Erfolg.

Ergeb­nis­se u. a.:

  • Haupt­be­las­tun­gen im Arbeits­all­tag: men­ta­le Ermü­dung, Stress durch Kom­mu­ni­ka­ti­ons­an­for­de­run­gen, „aus­ge­laugt“ nach Arbeitstagen.
  • 31% berich­te­ten nega­ti­ve Erfah­run­gen wie Aus­gren­zung oder Dis­kri­mi­nie­rung; in 80% führ­te das Mel­den nicht zur Lösung.
  • 77% erhiel­ten Arbeitsplatz‑Anpassungen (z. B. assis­ti­ve Hör­tech­nik, Unter­ti­telung, hybri­de Arbeit, ruhi­ge Räu­me) – 82% fan­den die­se wirksam.
  • Kri­tisch: 53% wur­den nicht über mög­li­che Unter­stüt­zun­gen infor­miert; nur 9% erhiel­ten ent­spre­chen­de Hin­wei­se von Hörakustiker:innen/Audiolog:innen, obwohl die­se häu­fig ers­te Anlauf­stel­le sind.

In der Schluss­run­de wur­de als nächs­ter Schritt ein Dop­pel­an­satz betont: Awa­re­ness (Wis­sen, Selbst­ver­tre­tung, Infor­ma­ti­on der Arbeit­ge­ber) plus Poli­cy (kla­re Regeln und Rah­men­be­din­gun­gen, die ange­mes­se­ne Vor­keh­run­gen för­dern und ein­for­dern). EFHOH arbei­tet hier­zu an einem Tool­kit für Arbeitnehmer:innen und Arbeitgeber.

Auf­trag an unse­re Fach­leu­te: Was wir als Hörakustiker:innen kon­kret bes­ser machen können

Aus den Bei­trä­gen im EU‑Parlament lässt sich ein kla­rer Hand­lungs­auf­trag für die Ver­sor­gung ablei­ten. Wenn „From School to Work­place“ gelin­gen soll, braucht es neben Tech­nik vor allem struk­tu­rier­te Bera­tung, Empower­ment und Schnittstellenkompetenz.

1) Arbeit & Aus­bil­dung sys­te­ma­tisch in die Ana­mne­se auf­neh­men. Nicht nur „Wie hören Sie?“, son­dern auch: Wie arbei­ten Sie? Wie ler­nen Sie? In wel­chen Hör­si­tua­tio­nen schei­tert Kom­mu­ni­ka­ti­on?→ Ziel: Anpas­sung und Nach­sor­ge kon­se­quent an rea­len All­tags­si­tua­tio­nen aus­rich­ten (Mee­tings, Kun­den­kon­takt, Werk­statt, Groß­raum­bü­ro, Videocalls).

2) Mehr als das Hör­sys­tem: Zusatz­tech­nik pro­ak­tiv anbie­ten Vie­le Pro­ble­me ent­ste­hen in Lärm, Distanz und Grup­pen. Hier braucht es häufiger:

  • Remote‑Mikrofone/FM‑Systeme, Kon­fe­renz­lö­sun­gen
  • TV‑/Streaming‑Lösungen, Telefonie‑Setups
  • (wo verfügbar/absehbar) moder­ne Broadcast‑/Streaming‑Standards in öffent­li­chen Räu­men→ Ziel: Hör­bar­keit in typi­schen Berufs­set­tings mess­bar ver­bes­sern, nicht nur „im Anpassraum“.

3) „Work­placeSup­port“ als fes­ten Bau­stein der Bera­tung eta­blie­ren Die Befra­gung zeig­te: Über die Hälf­te wur­de nicht über Unter­stüt­zung infor­miert – und nur sel­ten kam die­se Info aus der Hör­ver­sor­gung. Das kön­nen wir ändern durch:

  • kur­ze Info‑Checkliste „Hil­fen am Arbeitsplatz“
  • Hin­wei­se zu inter­nen Ansprech­part­nern (HR, Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung, Arbeitsschutz)
  • Emp­feh­lun­gen zu typi­schen Anpas­sun­gen (Unter­ti­telung, ruhi­ge Räu­me, Hybrid‑Regeln, visu­el­le Alar­mie­rung)→ Ziel: Patient:innen hand­lungs­fä­hig machen und frü­hes Schei­tern im Job verhindern.

4) Kom­mu­ni­ka­ti­ons­trai­ning & Erwar­tungs­ma­nage­ment stär­ker beto­nen Tech­nik ver­bes­sert Hören – sie ersetzt aber nicht auto­ma­tisch Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gien.→ Ziel: rea­lis­ti­sche Zie­le ver­ein­ba­ren, Stra­te­gien ver­mit­teln (Posi­tio­nie­rung, Blick­kon­takt, Meeting‑Regeln), ggf. an Reha/Logopädie/Hörtraining anbinden.

5) Schnitt­stel­le HNO/Hörsystemakustiker/Arbeitgeber/Schule aktiv mode­rie­ren Wo mög­lich: schrift­li­che Emp­feh­lun­gen (z. B. für Arbeitsplatz‑Akustik, Meeting‑Technik, Unter­ti­telung), kla­re Doku­men­ta­ti­on der Hör­an­for­de­run­gen.→ Ziel: Ver­sor­gung als Pro­zess ver­ste­hen – mit Netz­werk statt Einzeltermin.

6) Früh­erken­nung för­dern – auch bei Erwach­se­nen im Erwerbs­al­ter Vie­le Betrof­fe­ne kom­men spät. Wir kön­nen nied­rig­schwel­li­ge Checks und Auf­klä­rung stär­ken (z. B. in Betrie­ben, bei Gesund­heits­ta­gen, über Prä­ven­ti­ons­an­ge­bo­te).→ Ziel: frü­he­rer Ein­stieg in Ver­sor­gung, weni­ger Erschöp­fung, mehr Job‑Erhaltung.

Zah­len & Fak­ten (Info­kas­ten)

  • 143 Teil­neh­men­de, 33 Län­der: World Hea­ring Day 2026 Lunch Deba­te im EU‑Parlament (vir­tu­ell)
  • WHO: >95 Mio. Schul­kin­der welt­weit mit unbe­han­del­ter Hörminderung
  • WHO: >980 Mrd. USD/Jahr Kos­ten durch unbe­han­del­te Hör­min­de­rung (glo­bal)
  • EHIMA/EuroTrak: 55 Mrd. EUR/Jahr Pro­duk­ti­vi­täts­ver­lust (EU)
  • AEA/EFHOH‑Survey: 53% ohne Infor­ma­ti­on zu Workplace‑Supports; nur 9% erhiel­ten die­se Info von Hearing‑Care‑Professionals

 

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