
Technik moderner Hörsysteme
“Technology is best when it brings people together.” Matt Mullenweg
Der Wandel der Technik lässt sich nicht aufhalten, was bei Hörverlust ein grosser Vorteil ist: Hörsysteme werden kleiner, leistungsfähiger und sind längst nicht nur mehr da, um «einfach besser hören zu können». So wie das Handy sich zum Smartphone weiterentwickelte, können auch moderne Hörsysteme zum unentbehrlichen Lifestyle-Produkt für Sie werden. Doch wie finden Sie das richtige Hörsystem für Ihre Bedürfnisse?
Der Besuch beim/bei der HörsystemakustikerIn ist aus unserer Sicht der einzige Weg, dass Sie die für Sie am besten geeignete Lösung für Ihren Alltag finden. Schliesslich sind beim Eidgenössischen Institut für Metrologie (METAS) heute (Stand 08.2025) fast 4’500 Hörsysteme gelistet. Wie soll man sich da ohne Hilfe zurechtfinden?
Damit Sie sich schon etwas in die Thematik einlesen können, haben wir die wichtigsten Infos zu den Bauformen, Technologien, Features und Gadgets aufgelistet und erläutert. Folgende Texte sind Hersteller- und Produkte-neutral gehalten. Für mehr Informationen und spezifischere Erläuterungen, wenden Sie sich an Ihre/n HörsystemakustikerIn.
Bauformen heutiger Systeme
Klassische Hörsysteme werden in drei Kategorien unterteilt:
- Das klassische Hinter-dem-Ohr-System (HdO): Die Elektronik wird hinter der Ohrmuschel versteckt und der Schall durch einen Schlauch zum Trommelfell transportiert. Je nach Hörverlust kann dieser Schlauch im Durchmesser variieren.
- Das Im-Ohr-System (IdO): Hier wird die ganze Elektronik Im Gehörgang, bzw. in der Ohrmuschel platziert. Je nach Gehörgang und Bedürfnissen der KundInnen gibt es kleinere Bauformen (CIC/IIC) oder grössere Ausführungen (ITC/ITE).
- Der externe Hörer (RIC): Hier befindet sich ein Grossteil der Elektronik hinter dem Ohr. Der Hörer befindet sich im Gehörgang und ist mit einem sehr dünnen Kabel mit der Elektronik verbunden. So verbindet dieses System die Vorteile des HdO und des IdOs.
Sonderformen / Implantate
Es gibt Hörverluste, welche nicht mit klassischen Systemen korrigiert werden können und daher mit Implantaten versorgt werden. Auch dazu gibt es eine lange Liste an Produkten. Hier erläutern wir die beiden Gängigsten:
- Knochenverankerte Geräte: Diese werden bei Auffälligkeiten des Mittel- bzw. Aussenohrs verwendet. Einige Beispiele dafür sind chronische Mittelohrerkrankungen, ein fehlender Gehörgang oder permanenter Ohrausfluss. Eines der bekanntesten knochenverankerten Systeme ist das BAHA (bone anchored hearing aid). Hier wird ein kleiner Druckknopf hinter dem Ohr angebracht und ein Hörsystem draufgesteckt, welches den Schall mittels Vibrationen an das Innenohr sendet.
- Cochlea-Implantate: bei angeborener oder erworbener Taubheit kann es vorkommen, dass der Hörnerv intakt ist. Um hier ein Hören zu ermöglichen, wird eine Spule in das Innenohr eingesetzt, welches dessen Aufgabe übernimmt und elektrische Impulse via Hörnerv an das Hirn weiterleitet. Um den Schall zu verarbeiten und an die Spule zu senden, wird ein Prozessor benutzt, welcher einem HdO-System ähnelt. Dieser ist mit einem Kabel mit einer Sendespule verbunden, welche mittels Magneten hinten am Schädel angebracht wird und sich nach Belieben auf- und absetzen lässt.
Features
Was macht ein Hörsystem zum Lifestyleprodukt? Hier einige Beispiele, was manche Hörsysteme alles können:
- Künstliche Intelligenz (DNN – Deep Neural Network): Das Hörsystem wird mit unzähligen Hörsituationen „gefüttert“ (z. B. Gespräche im Café, Vogelgezwitscher im Park, Straßenlärm). Das DNN lernt, wie sich Sprache, Musik und Geräusche jeweils anhören und stellt automatisch Verstärkung, Filter und Rauschunterdrückung so ein, dass Sprache klar und Störlärm reduziert wird, ohne dass Sie selbst etwas einstellen müssen.
- Programmautomatik: ähnlich wie das DNN analysiert die Programmautomatik die aktuelle Hörumgebung und stellt sich so ein, dass Ihnen das optimale Hörerlebnis geboten wird. Je nach Qualitätsstufe unterscheidet diese unter anderem Ruhe, Sprache, Strassenlärm, Restaurantumgebung, Fahrgeräusche und auch Musik.
- Richtmikrofon: Sie sitzen zum Beispiel zu zweit an einem Tisch in einem gut besetzten Restaurant. Das Richtmikrofon richtet sich automatisch auf den Gesprächspartner damit dieser im Vordergrund steht.
- Störgeräuschereduktion: Dieses Feature hilft Ihnen, im Alltag mit den ganzen neuen Höreindrücken zurechtzukommen und richtiges Hören wieder zu lernen, ohne Ihre Ohren zu überstrapazieren.
- Impulsschallreduktion: laute Knallgeräusche wie zum Beispiel Geschirrklappern wird in Echtzeit erkannt und reduziert, damit Ihnen auch hier ein maximaler Komfort geboten wird.
- Windreduktion: Auch wenn es windet, können Sie auf Ihrer Terrasse mit Ihren Liebsten kommunizieren, da Windgeräusche erkannt und reduziert werden.
- Anpasskanäle: Je komplexer Ihr Hörverlust ist, umso genauer müssen Ihre Systeme angepasst werden. Ihr/e HörsystemakustikerIn stellt wie ein/e TontechnikerIn die Systeme mit einem komplexen Equalizer auf Ihr Gehör ein. Je hochwertiger das Produkt ist, umso mehr Kanäle stehen Ihnen zur Verfügung.
- Bluetooth: Durch Konnektivität steht Ihnen barrierefreies Hören zur Verfügung. Verbinden Sie Ihre Systeme mit dem Smartphone, um Telefonate und Videos zu streamen, oder koppeln Sie sich via Zubehör mit dem Fernseher und benutzen Sie ihre Systeme als Lifestyle-Kopfhörer.
Angepasste Ohrpasstücke (Otoplastiken)
Mindestens genauso wichtig wie die Auswahl des Hörsystems ist die akustische Ankopplung, das heisst, die Art und Weise, wie das System im Ohr angebracht ist. Die Bauform, Belüftung und das Material dieses Bauteils sind entscheidend für die richtige akustische Übertragung, optimalen Halt und eine gute Hautverträglichkeit.
Meistens wird eine individuelle Schale (Otoplastik genannt) gefertigt. Diese kann ich verschiedenen Materialien hergestellt werden. Hier einige Beispiele:
- Acryl: Dies ist ein hartes Material, welches durch seine stabile Struktur einfach zu reinigen ist und eine gute Schallübertragung hat. Es kann ohne weiteres von Fachpersonal nachbearbeitet werden. Mit einer Lackbeschichtung wird die Otoplastik durchsichtig und dadurch sehr unauffällig.
- Silikon: Dieses eher weiche Produkt wird häufig verwendet, wenn man eine hohe Abdichtung braucht wie bei hohen Hörverlusten und angepasstem Gehörschutz. Auch bei Kinderversorgungen ist Silikon ein beliebtes Material.
- Polyurethan: Dieses Material verändert seinen Härtegrad mit der Körpertemperatur und verbindet so die Vorteile von hartem und weichem Material. Ausserdem gilt dieses als sehr hautverträglich und antiallergen.
- Titan: Früher wurde Titan wegen seiner antiallergischen Eigenschaft verwendet, durch seine beinah unzerstörbare Struktur und seinen akustischen Eigenschaften hat dieses Metall seinen Platz in die gängigen Materialien verdient.
- Keramik: Keramik hat ähnliche Eigenschaften wie Titan und ist relativ neu in der Welt der Otoplastiken erhältlich.
Zubehör
Möchten Sie die Fähigkeiten Ihrer neuen Systeme erweitern? Hier einige Beispiele:
- Streaming: Viele Systeme haben Bluetooth integriert. Somit können Sie diese mit Ihrem Smartphone koppeln und haben damit Ihre Kopfhörer immer dabei.
- App: Sie können via Handy Ihre Systeme fernsteuern (z.B. Lautstärke ändern und Zusatzprogramme anwählen), oder sich auch die Hörsysteme über Fernwartung vom / von der AkustikerIn nachstellen lassen, falls Sie gerade nicht die Möglichkeit haben, das Fachgeschäft persönlich aufzusuchen.
- Telefon-Clip: manche Hörsysteme fungieren als Mikrofon und Hörer für Telefonate (Bluetooth Classic). Falls dies nicht der Fall ist, können Sie sich mit einem kleinen Mikrofon-Clip ausstatten, welcher Ihre Systeme in ein Headset für Ihr Smartphone verwandelt.
- TV-Adapter: Mit diesem Gadget können Sie Ihre Systeme direkt an Ihren Fernseher koppeln. Somit haben Sie gegenüber Ihrer Familie den Vorteil, dass Sie den klareren Sound haben und sich die Lautstärke so einstellen können, wie Sie möchten. Die anderen ZuschauerInnen können über die Lautsprecher des Fernsehers den Film oder die Sendung mit Ihnen geniessen.
- Tischmikrofon: Gruppengespräche am Tisch können auch für Guthörende anstrengend werden. Mit einem Tischmikrofon können Sie barrierefrei jedem Gesprächspartner folgen, selbst bei höherem Umgebungslärm wie zum Beispiel im Restaurant.
- Externes Mikrofon: Dieses können Sie einer Person, die Sie besonders gut verstehen möchten, um den Hals hängen. Mögliche Szenarien: Pfarrer bei der Messe, Vorträge, Museumsguide, LehrerIn an der Abendschule, PartnerIn an einer Party etc.
- USB-Dongle: Damit verbinden Sie Ihre Hörsysteme mit dem Computer und können diese als Headset für Telefonkonferenzen oder Gamen benutzen.
Deshalb also immer zur Fachperson
Wie Sie nun gesehen haben, gibt es eine riesige Auswahl an Systemen und Technologien. Um herauszufinden, welches System Ihren Bedarf deckt, braucht es einen detaillierten Hörtest und ein Gespräch, bei dem Ihr Alltag und Ihr Hörbedarf erläutert wird. Nur so kann der/die HörsystemakustikerIn Ihnen das Richtige empfehlen.
Wichtig: Nehmen Sie sich Zeit für eine Hörsystemanpassung, denn durch die (meist jahrelange) Entwöhnung Ihres Gehörs braucht ein fachlich korrektes Einstellen mehrere Sitzungstermine, um «gleitend» Ihr Gehör wieder zu trainieren.
Je länger Sie schon hörentwöhnt sind, umso mehr Zeit und intensives Training brauchen Sie, um die neue akustische Welt wieder kennenzulernen und zu schätzen. Qualität braucht Zeit, welche nur qualifizierte HörsystemakustikerInnen aufbringen, um Ihnen die Lebensqualität zu bieten, die Sie verdienen. Jedes AKUSTIKA-Mitglied setzt auf höchste Ansprüche, um Ihnen die bestmögliche Lösung zu bieten. Lesen Sie dazu unseren Code Moral im Anhang unserer Statuten (Deutsch / Französisch).